13. Tag Austby – Rauland 82 km

Ich bin wieder Opfer von diebischen Möwen geworden. Ich habe über Nacht die Türen meines Außenzelts offen gelassen, weil es relativ warm war. Als ich aufwache und vor das Zelt blicke, liegt mein Müll und zwei Plastiktüten gut vor dem Zelt verstreut da. Als ich die Dinge einsammle, stelle ich fest, mein Gudbrandsdalsost, mein brauner Käse, ist von den Möven gestohlen worden.

Aber ich bin nicht das einzige Opfer der Möwen. Als ich zum Duschen gehe, sehe ich, dass die Möwen den Inhalt eines Minimülleimers gut über den Platz verteilt haben. Das Erstaunliche ist, dass sie sogar das Plastikgestell des Mülleimers umgeworfen haben und vom Zelt weggezogen haben.

Allmählich wird mir klar, was mir mittlerweile am skandinavischen Verkehr nicht gefällt.

Ich frage mich schon die ganze Zeit, ob früher die Autos abgebremst haben, wenn sie an mir vorbeigefahren sind. Jedenfalls jetzt kann ich feststellen, sie fahren, ohne die Geschwindigkeit herunterzusetzen, an einem vorbei. Teilweise frage ich mich, ob sie sich wirklich an das Tempolimit halten, aber es gibt immer mehr Überholvorgänge bei Gegenverkehr, bei denen es knapp bis brenzlich wird.

Ich denke mir sehr häufig: „Your risk, your choice, not my help.“ Das ist das, was ich mir damals in Schottland gedacht habe, als ich dieses Phänomen zum ersten Mal feststellte. Ich helfe nur dem Auto des Gegenverkehrs, nicht dem Idioten, der meint, sich gerade noch vorbeidrücken zu müssen und das Leben anderer zu riskieren.

Ich sehe Schnee auf Gipfeln. Sie wirken ungewöhnlich niedrig für Schnee. Deswegen schaue ich auf der Karte nach, wie hoch diese Gipfel sind. Es sollen 1300 m sein. Irgendwie sieht dieser Höhenunterschied einfach nicht nach einem Kilometer aus. Es wirkt deutlich weniger.

Die Straße wird zwar etwas enger und weniger gut ausgebaut, die Autofahrer fahren aber genauso wie zuvor. Ich sehe aber Bahngleise, die auch genutzt aussehen. Deswegen schaue ich nach, ob ich mich in den Zug setzen könnte, um zur Küste zu fahren. Ich müsste aber von Rjukan, obwohl ungefähr 100 m weit entfernt die Gleise verlaufen, erst mit dem Bus zu dem 80 Kilometer entfernten Notodden fahren und könnte dann in den Zug steigen.

Wenn das, was mir die KI über das veränderte Verhalten der norwegischen Autofahrer bezüglich Radfahrer stimmt, nämlich, dass sie wirklich, wie ich festgestellt habe, enger überholen, weil es neuerdings einen Sicherheitsabstand von 1,5 m gibt, dann habe ich jetzt Angst vor dem Aufstieg, weil die zu nutzende Straße ist nach OpenStreetMap-Kriterien eine Primary Street.

Die Auffahrt weist sich als weniger gefährlich und von den Autos weniger lästig als gedacht.

Bis zu den 800 hm komme ich eigentlich relativ locker. Bis zu den 1000 hm zieht es sich. Also lieber starke Steigungen fahren, oben sein und herunterrollen, als flache Steigungen und einfach nicht vorankommen. An einem Stausee sehe ich eine Höhenangabe über Meereshöhe. Das Interessante ist, sie schwankt die ganze Zeit um 1 cm.

Der Wetterbericht verrät, dass es auf 1000 hm 30° hat und es in Frankfurt kühler ist.

Als solches finde ich dieses Fjell sehr schön, aber es hat den Konflikt, den viele solche Gebiete wahrscheinlich mittlerweile haben. Man verbindet mit ihnen eine gewisse Einsamkeit, Entfernung von der Zivilisation. Aber der Verkehr fährt neben einem. Der Verkehr ist nicht viel, aber dass dieses Gefühl von Menschenferne und Einsamkeit entstehen könnte, dafür ist es zu viel.

Abgesehen davon absorbiert der Verkehr so viel Aufmerksamkeit, dass man eigentlich die Landschaft nicht betrachten kann, außer man bleibt stehen. Das ist eigentlich das Schöne an Radreisen, dass man sich die Welt anschauen kann, während man durch sie fährt.

Entweder ist es eine Alterserscheinung oder eine Zeiterscheinung, dass ich finde, dass dies vor 20 oder 30 Jahren in Skandinavien weitaus üblicher war, dass sich dieses Gefühl von Menschenferne eingestellt hat.

Was kann man zur Streckenführung aus Sicht des Radfahrers sagen?

Ich habe den Verkehr schon angesprochen. Wenn ich mir aber ansehe, wie viele Parkplätze es in dem Gebiet gab und wie leer diese Parkplätze waren, dann frage ich mich, wie ist der Verkehr, wenn der entsprechende Tourismusverkehr in dem Gebiet tobt? Vielleicht sind diese Parkplätze aber auch für den Winter, denn sehr viel sah auch nach Wintersport aus. Aber vielleicht ist es auch für den Sommertourismus, denn ich bin mir noch nicht ganz im Klaren darüber, ob in Norwegen Ferien sind oder nicht.

Dann fahre ich ab. Es geht eigentlich nur ungefähr 200 m abwärts, dann wird es, glaube ich, relativ eben. Aber ich finde am Ende der für den heutigen Tag vorgenommenen Strecke mehr oder weniger gleich eine Wiese. Ich bin zwar in Hörweite eines Schotterwerkes, aber ich hoffe, dass man dort Feierabend macht.

Zeitlich habe ich damit aber viel zu früh aufgehört, aber meine Satellitenaufklärung und mit Google View ist hier in Norwegen schon so oft schiefgegangen. Das Gebiet, was jetzt kommt, schaut sehr unergiebig aus.