Elfter Tag: Fleet Hargate – Market Rasen (117,90 km)

Der Morgen gestaltet sich etwas chaotisch. Ich fahre zwar in die richtige Richtung, aber die Ortansicht von Fleet Hargate ist so ähnlich wie gestern Abend, dass ich mir einbilde, ich würde in die falsche Richtung fahren. Ich schaue zwar auf die Karte und benutze sogar meinen Kompass, beachte aber nicht, dass die Sustranskarten nicht normal genordet sind und fahre zurück. In

Fleet Hargate bemerke ich, dass meine erste Richtung die richtige war.

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In Holbeach gehe ich einkaufen. Die Menschen dort erinnern mich in Haltung und Kleidung stark an Tschechien und die ehemalige DDR kurz nach der Wende.

Zwischen Fosdyke Bridge und Boston verliere ich die Markierung. An der Kreuzung steht schon eine andere ratlose Radlerin. Wir entscheiden uns für eine Richtung. Es folgt aber keine weitere Wegemarkierung. Meine Begleiterin misstraut der Sache und fährt zurück, ich fahre weiter und bin plötzlich wieder auf der ausgeschilderten Route.

Bis Boston war das Wetter gut. Die Landschaft gefällt mir. Dies dürfte aber eher am Licht liegen.

In Boston werde ich von einem Gewitter überrascht. Wahrscheinlich die Strafe dafür, dass ich das Sandwich mit Thunfisch und Leberwurstpastete nicht so überzeugend fand.

Doch eine Sache fällt mir auf. Die Leute stellen sich bei dem Gewitter unter die Bäume. In den geeigneten Hauseingängen sehe ich niemanden.

Etwas später hinter Boston werde ich von einem weiterem Gewitter eingeholt. Ich überstehe es in einer Art Scheune. Durch das Licht wird die Landschaft furchtbar trist. Irgendwann male ich es mir als melancholisches Roadmovie aus und kann der Situation plötzlich einiges abgewinnen.

Dann fahre ich den River Witham entlang. Ein extrem stark begradigter Fluss. In deutschen Augen langweilig. Es wimmelt aber von Campingplätzen und einen Caravanpark. Dazu später mehr. Am ganzen Flussufer keine einzige Bank. Überall Schilder „Private Fishing“ und „Private Parking“. Das ganze Flussufer ist leer.

Da ich heute weiter viele Leute, die man am besten mit Adipositas beschreibt, gesehen habe, frage ich mich allmählich, ob es nicht einen Zusammenhang zu den Landrechten gibt. Ein Land, in dem man so oft draußen bleiben muss, lädt nicht zur Bewegung ein und man wird zur Coach potato .Ich hab bisher nur zwei Jogger gesehen.

Weil mich die Gewitter aufgehalten haben, beschließe ich abzukürzen. Das Wetter klart auf und erzeugt eine wunderbare Abendstimmung. Die Landschaft erleuchtet in wunderbaren Farben. Die Wiesen strahlen ein bisher nicht gesehenes Grün aus. Das dürfte auch daran liegen, dass diese nicht so ein Gestrüpp sind wie bisher.

In Market Rasen suche ich die Camping Site. Die Leute wissen nur etwas von einem Caravan Park. Dabei fällt mir wieder auf, was mir schon die letzten zwei, drei Tage aufgefallen ist. Die Aussprache des Englischen wandelt sich nicht allmählich bei allen, sondern die Zahl derer, die den nordenglischen Slang verwenden, steigt.

Interessant finde ich, ich war in meiner Jugend in Südengland. So lange die Menschen so reden wie in Südengland, fallen mir die Wort und Sätze leichter ein als bei Leuten, die den nordenglischen Slang verwenden. Da habe ich Ladehemmungen.

Auf dem Caravan Park hat man ein Plätzchen für mich. Dieser Caravanpark ist etwas eigenartig. Es stehen nur Wohnwagen herum. Bis auf drei Katzen und ein älteres Ehepaar scheint keiner auf dem Platz zu sein. Es ist extrem still.

Der erste Caravanpark war aber noch viel sonderbarer. Es stehen dort eigentlich keine Wohnwagen, sondern eine Art Ferienhütten, die sehr ähnlich zu dem sind, was manche deutsche Dauercamper um ihre Wohnwagen herum bauen.

Ich frage mich, ob dies eine Folge der Landrechte ist. Ferienhaussiedlungen dürften in England kaum möglich sein.