In der Nacht wundere ich mich, dass sich alles so kühl anfühlt. Denn letztes Jahr habe ich in den Sheltern mit kurzer Hose und kurzem T-Shirt übernachtet. Jetzt habe ich eine lange Unterhose und ein langärmliges Hemd an.
Am Morgen wache ich auf und werfe einen Blick auf mein Thermometer, es hat 8,8 Grad. Dafür war aber eigentlich die Nacht sehr angenehm, ich habe nicht gefroren, aber ich habe gemerkt, dass diese Nacht anscheinend deutlich kühler war als die anderen Nächte, die ich bisher in den Sheltern verbracht habe. So gesehen muss ich mir wahrscheinlich in Norwegen auf 1000 Meter Höhe keine Sorgen machen, dass ich im Zelt erfriere, weil ich kleidungstechnisch vorgesorgt habe.
Kurz nach Start steuere ich wieder eine öffentliche Toilette an, von der klar ist, dass ich mich waschen kann.
Auf dem Weg steht plötzlich ein Reh auf dem Radweg am Ortsrand. Es bleibt stehen und ich kann es fotografieren. Nachdem ich mich gewaschen habe, versuche ich mich auf einem Pfad wieder zurück zur Route zu schlagen und treffe auf Rebhühner, die auch nicht so richtig flüchten wollen. Wobei, es ist ein Rebhuhnpaar. Das Weibchen ist schlauer und schlägt sich ziemlich schnell in die Büsche, das Männchen läuft einfach fröhlich vor mir her.
Etwas später sehe ich auch noch ein Reh, welches auch nicht gedenkt zu flüchten. Was ist hier mit den Tieren los?
Der Weg ist am Anfang ein Bahnradweg, der aber teilweise von Pferden mitgenutzt werden darf. Dementsprechend ist die Oberfläche. Ich fahre dann doch auf der normalen Fahrbahn.
In Torup suche ich mir nach dem Einkauf einen Pausenplatz und komme an einer Vorschule vorbei. Die Kinder spielen auf dem Gelände der Vorschule und tragen Sicherheitswesten.
Mein Planungsmodus bei Brouter war Naturreservate, Wald und Flüsse. Ich fahre jetzt extrem viel Wald und fühle mich an die Strecken erinnert, als ich die schwedische Strecke zum Nordkap fuhr. Der Wald erscheint endlos. Diese endlosen Wälder fingen aber wesentlich weiter nördlich an. Wenn ich es richtig erinnere, nach Stockholm. Vielleicht sollte ich dem Routing-Algorithmus klarmachen, Wald heißt bei mir Natur, wo Wald unter anderem vorkommt.
In anderen Worten, ich stelle wieder mal ein bisschen fest, Radreisen hat etwas mit Psychologie zu tun. Damals fand ich diese endlosen Wälder, glaube ich, spannend, weil ich sie zum ersten Mal sah und weil sie in das übergeordnete Ziel, „norrut“, passten. Jetzt ist es eine Rundreise durch Skandinavien, sie wirken ganz anders auf mich.
Was mir allmählich auffällt, weil ich heute mein erstes Badplats-Schild seit Langem sehe: Es gibt sie anscheinend nicht mehr in Schweden. Bei meinen ersten zwei Schweden-Touren habe ich die Badplats-Schilder sehr häufig gesehen.
Irgendwo sehe ich einen Wegweiser zu einem Badplats, aber als dann der Waldweg von der Straße abzweigt zum Badplats, gibt es dort keinen Wegweiser.
In einem Ort sehe ich eine öffentliche Fläche mit Bänken, mit einer Stelle, wo man ins Wasser steigen könnte, eigentlich das, wo früher ein Badplats-Schild vermutlich gewesen ist. Ich sehe keines.
Irgendwie scheinen die Schweden ein anderes Verständnis von Naturschutzgebieten zu haben. Auf meiner Karte bin ich mitten im Naturschutzgebiet, aber es gibt trotzdem Kahlschlagflächen.
Ich habe bemerkt, wie der Blick auf die Landschaft – kann ich hier wildcampen oder nicht? – die Landschaft für mich innerlich verändert.
Rein technisch ist es teilweise ziemlich schwer, einen Wildcamp-Platz zu finden. Die Grundregel ist, man darf von dem Haus nicht gesehen werden. Auf den waldfreien Flächen wird man fast überall gesehen und die Wälder, wenn man in sie blickt, dort ein Zelt aufzuschlagen – schwierig.
Ich habe zu Hause versucht, eine Art vorab Luftaufklärung von möglichen Zeltplätzen zu machen. Ich muss sagen, so richtig toll habe ich die Aufgabe nicht erledigt, aber einer der Plätze ist so toll, dass ich sogar etwas früher aufhöre. Er ist an einem See, von Bäumen umgeben.
Die Straße ist relativ nah, ich würde vielleicht sagen, sogar 30 Meter, aber kaum befahren. Ein Campingplatz wäre vermutlich lauter.