Was mir allmählich Sorge bereitet, ist die Differenz zwischen meinem Thermometer und dem Wetterbericht. Jedes Mal bisher, wenn ich die Zahlen überprüft habe, lag mein Thermometer unter dem Wert des Wetterberichtes.
Es handelt sich hierbei um 4°. Der Wetterbericht hat für meine Gegend hier für den Morgen 10° angesagt, ich habe auf dem Thermometer 6°. Ich will ja auf 1.000 m hoch. Ich habe schon für die Nächte Zahlen in dieser Höhe von 4° gesehen. Das würde ja praktisch bedeuten, 0°.
Die Straße ist jetzt schon nordskandinavisch schlecht. Das Nervige ist, die Absenkungen durch die Reifen verlaufen nicht unbedingt genau da, wo man als Radfahrer fahren will, sondern knapp daneben. Teilweise gibt es Risse im Asphalt, die eine Art von gefährlicher Spurrillen darstellen.
Ich komme an einem Haus vorbei, vor dem ziemlich heruntergekommene Militärlastwagen stehen. Insbesondere kann man einen NVA-Lastwagen erkennen. Dann steht ein Passat daneben, wobei ich mich frage, ob der Reichsadler über dem VW-Zeichen in irgendeiner Reminiszenz an das Dritte Reich sein soll. Aber das muss ich mal zu Hause erst herausfinden. Dann steht noch ein Auto da, was ich als Erstes für einen Trabant halte, aber anscheinend, den Ringen nach, ein Audi ist.
Ich sehe drei Füchse auf einen Schlag. Von ihrer Körpergröße, verglichen zu den bisherigen Füchsen, wegen ihrer Hilflosigkeit bei der Flucht und dem Versuch zusammenzubleiben, nehme ich an, dass das vielleicht sogar etwas größere Fuchswelpen waren.
An zwei Kreuzungen kreuze ich die Straße 40. Die Radfahrer werden den Straßenschildern zur Folge immer nach Larvik verwiesen, die Autofahrer nach Kongsberg. Was etwas absurd ist, weil auf dem Fahrradschild steht eigentlich auch Kongsberg. Aber Radfahrer müssen Kilometer schinden.
Dann sehe ich eine traditionelle Blockhütte und Blockscheune, über die ich ein bisschen verblüfft bin, weil zum ersten Mal habe ich diese in Norwegen nach Kautokeino gesehen. Also wesentlich nördlicher.
In Kongsberg gehe ich einkaufen und mich trifft halb der Schlag. Ich gebe knapp 30 € raus. Ein Brot, Hummus, eine Gurke, 1 l Milch, der sich als 1 l Dickmilch herausstellt, und sechs Bananen und meinen heißgeliebten Gudbrandsdalsost. Ich musste mir natürlich das größte Stück für ca. 10 € kaufen. Ich hoffe, er bekommt mir.
Nach Kongsberg stelle ich fest, dass ich beim Abkopieren von der Route 5 bei OpenStreetMap einen Fehler gemacht habe. Und mir werden einige Höhenmeter erspart. Der Preis dafür, dass ich relativ flach fahre, teilweise langweilig, und ein Teil der Strecke dient als Umleitung für die Nummer 40. Und dabei passiert mir das Malheur, mir fällt die Kurbel ab.
Ich überlege, ob ich weiterfahren soll oder in den Zug steigen, irgendwie runter nach Larvik, dann mit der Fähre nach Dänemark. Weiter durch Dänemark. Ich glaube, die vier Tage würde die Kurbel durchhalten. Oder ob ich es riskiere, weiterzufahren.
Eigentlich habe ich schon innerlich entschieden, ich riskiere es. Das ist zwar total unvernünftig, denn in 10 km kommt der die letzte Bahnstation. Aber ich glaube, wenn ich alle 100 km kontrolliere, ob die Kurbel noch festsitzt oder nicht, dann müsste das gehen.
Da ich ja jetzt grundsätzlich wildcampe, bin ich bedeutend mehr darauf angewiesen, Wasserquellen zu finden. Kirchen sind Mangelware. Die letzte Kirche ist vor meinem Ziel 30 km entfernt. Deswegen schaue ich mir natürlich die Möglichkeiten an, wo ich Wasser schöpfen könnte.
Das Problem aber bei den eventuellen Flüssen oder Bächlein ist, sie sind so gestaltet, dass man einfach nicht herankommt. Entweder lag es früher daran, dass ich in einer anderen Gegend war, oder man versucht mittlerweile, solche Bäche, die unter der Straße verlaufen, davor abzusichern, dass Leute rangehen und vielleicht hineinfallen.
Allmählich tauchen immer mehr Kiefernwälder auf. Ich habe ein zwiespältiges Verhältnis zu Kiefernwäldern: Einerseits mag ich den Duft, aber andererseits finde ich, sie haben so eine trockene Luft und machen unnötig Durst. Teilweise fühle ich mich an Finnland erinnert, an diese endlosen Straßen, aber der Wald ist dort etwas lichter.
An den Briefkästen, beziehungsweise an den Sammelstellen der Briefkästen, befinden sich Nummern. Ich nehme an, es handelt sich hier um die Hausnummern. Momentan bin ich bei Hausnummer 1.800.
Der Nachmittag war bei Weitem nicht mehr so schön wie der Vormittag. Teilweise war es wieder Waldprügelei. In diesem Teilbereich der Strecke habe ich zwei aufgegebene Campingplätze gesehen.
Die Suche nach einem Zeltplatz hat sich letztendlich doch ziemlich einfach gestaltet. Der via Luft- und Satellitenerkundung gesuchte Zeltplatz sah zwar erst mal sehr gut aus. Aber die Mückenbilanz, an der ich jetzt immer noch kratze, hat mich vertrieben. Ich habe eine Wiese gefunden. Zwar relativ nahe an der Straße, aber sie hat Schatten. Denn momentan fahre ich Richtung Norden und die anderen Wiesen gehen zum Fluss runter und bieten überhaupt keinen Schatten beziehungsweise man wird von den umliegenden Häusern gesehen.