Mich hat in der Nacht keine einzige Mücke in meinem Shelter belästigt. Am Morgen tanzt eine Mücke um mich gierig herum.
Der Weg nach Strömstad ist am Anfang erst mal heftig. Teilweise ist es so, dass wenn es bergab geht oder bergauf, ich schiebe, weil wegen des grob geschotterten Untergrunds weiß ich nicht, wie ich das fahren soll. Der allmorgendliche Reh-Report: Ich hatte fünf Rehsichtungen. Bei den ersten vier Rehsichtungen flüchteten die Rehe ordnungsgemäß. Ich scheine hier in der Gegend noch als Beutegreifer ernst genommen zu werden. Durch die Büsche sehe ich ein Reh mit seinen Kitzen auf eine gewisse Entfernung. Die scheinen mich nicht zu bemerken und stehen weiter ungerührt auf dem Feld.
Ich kreuze die E6, die das vielleicht mittlerweile nicht mehr moderne Straßenlayout hat. Sie hat erstaunlicherweise sogar ziemlich breite Seitenstreifen für dieses Layout. Man könnte darin vielleicht Rad fahren, wenn man nicht mit irgendeinem Kettenfahrzeug oder mit irgendeinem anderen Gerät in diesem Seitenstreifen entlanggefahren wäre, um diesen extra holprig zu machen, damit die Autofahrer merken, dass sie von der Spur abgekommen sind.
In Strömstad angekommen, gehe ich in denselben Supermarkt wie letztes Jahr und wasche mich auch in derselben Toilette wie letztes Jahr. Neben der Toilette ist ein Spielplatz, auf dem ich die Zeit zur Abfahrt der Fähre überbrücke. Auf dem Spielplatz gibt es zwei auffällige Dinge: ein Mülleimer, der sich bedankt, wenn man was einwirft, und eine Schaukel mit einem Schutzbügel. Als ich diese zwei Sachen fotografieren will, höre ich es in meinem Rücken rascheln. Ich drehe mich um und sehe eine Möwe davonfliegen mit der Tüte im Maul, wo der Rest meines Baguettes drin ist.
Google Maps kennt eigentlich nur zwei Fahrradläden in Strömstad. Nämlich den Intersport und den Laden, an dem ich mir letztes Jahr die Nase plattgedrückt habe, um zu sehen, wie das schwedische Fahrradangebot so aussieht. Dieser Laden hat für immer geschlossen. Letztes Jahr stellte ich fest, so glaube ich, entweder ein E-Bike oder gar keins und irgendwie ein Cube-Rennrad. Vielleicht ist das der Grund, warum der Laden zu ist. Der Intersport-Laden gilt zu Unrecht als Fahrradladen, sie haben rein gar nichts für Fahrräder.
Am Check-in der Fähre treffe ich einen Isländer. Und die deutsche Sichtweise und die isländische Sichtweise auf Skandinavien triffen aufeinander. Er klagt über die hohen Temperaturen, ich bin froh der deutschen Hitzewelle entflohen, dass es nur 24 Grad hat. Auch über die Preise sind wir anderer Ansicht. Er findet, Schweden ist doch ein billiges Land. Ich für meinen Teil: Naja.
Spannend ist, was er über das Betreten des europäischen Kontinents sagt. Es wäre das Gefühl von Freiheit, denn man hätte plötzlich so viele Möglichkeiten, wo man hinfahren kann.
Wie so meist an Fähren stehe ich mit den Motorradfahrern zusammen. Als Erstes fällt auf: Alle sind älter als ich. Es ist lustig, 70-jährige Männer mit Totenkopf-Hosenträger zu sehen. Aber es gibt eine andere lustige Geschichte. Ich bin der einzige männliche Fahrradfahrer. Hinzukommt eine weibliche Radfahrerin. Mich lässt man in Ruhe. Die Radfahrerin wird ausgiebigst ausgequetscht.
Die Motorradfahrer und wir Radfahrer dürfen relativ früh auf die Fähre. Dies vergönnt mir einen Blick auf den Fähranleger. Es staut sich, die Autos, die hineinwollen, und die Autos, die hinauswollen. Die Straße, auf die die abfahrenden Autos auffahren wollen, ist eine zweispurige Straße. Es gibt extra Personen, die den Verkehr auf der normalen Straße und den abfahrenden Verkehr von der Fähre regeln. Persönlich finde ich das Schiff auf den ersten Blick sehr groß, aber frage mich, ob es durch all die Autos wirklich gefüllt wird.
Auf der Fähre sitze ich die erste Stunde auf dem Deck. Dann wird es mir zu kühl und ich suche, wie ein moderner Mensch es tun muss, einen Platz mit einer Steckdose. Dort läuft an einer Leinwand permanent Werbung für die Fährlinie Color Line. Ich würde sagen, eine Schleife von 10 Minuten. Was aber auffällt, wie blond, blauäugig und europäisch die Gesichter sind. Es kommt nur ein einzige migrantisches Gesicht in diesen 10 Minuten vor. Wenn ich mir das Publikum auf dem Schiff anschaue, muss ich sagen, schlecht getroffen.
In Sandefjord fahre ich von der Fähre herunter und erschrecke erst einmal, weil ich kein mobiles Netz bekomme und deswegen feststelle, dass ich überhaupt kein Netz habe. Zwar habe ich voll komplette Balken, aber bin mit keinem Internet, mit keinem Telefonprovider verbunden. Ich bekomme Angst, dass mein Anbieter vielleicht Norwegen, weil nicht EU, aus dem Vertrag hinausgeschmissen hat. Mehrere Methoden, die ich sonst immer bei Grenzübertritten mache, funktionieren auch nicht. Kein Netz.
Auf dem Campingplatz lasse ich mir erst mal ein Wi-Fi-Passwort geben, stelle fest, ich bin mit meinem Vertrag eigentlich auch in Norwegen akzeptiert. Ich probiere noch einige Male herum und plötzlich habe ich ein Netz. Ich weiß aber nicht, warum.
Die nächste Überraschung am Campingplatz: Man will Münzen für die Dusche. Normale Geldmünzen. Netterweise kann ich die Münzen mit meiner Karte bezahlen. Aber das ist das, was ich schon letztes Jahr in Norwegen festgestellt habe, das Verhältnis zum Bargeld ist anders als in Schweden. Den Zug hätte man mit Cash bezahlen können. Der Schaffner hatte eine Münzmaschine. Ich glaube, so eine habe ich zum letzten Mal in England vor 45 Jahren gesehen.
Ich gehe auf diesen Campingplatz, um mich endlich mal wieder zu duschen. Auf dem Campingplatz, das Zelt neben mir, ist aus dem Vereinigten Königreich.
Diesen Mann muss ich natürlich sofort befragen: nämlich wie er das empfindet, das Weg- und Landrecht in Skandinavien verglichen zum Vereinigten Königreich, ob das ihm ein gewisses Gefühl von Freiheit gäbe. Weil mir als Deutschen würde das Land- und Wegerecht in England immer so ein bisschen das Gefühl von Unfreiheit geben.
Er gleitet gleich so ein bisschen in ein England-Jammern ab. Ich bekomme keine richtige Antwort auf meine Frage.
Dann möchte ich von ihm wissen, wie sich der neue „Conduct of Highway“ ausgewirkt hätte. So recht scheint er nicht zu wissen, was ich meine, außer die Tatsache, dass sich geändert hätte, dass mittlerweile an Kreuzungen die Radfahrer und Fußgänger eigentlich als Erstes gehen dürfen und dann erst die Autos kommen. Bloß das soll total schlecht funktionieren, weil man es 80 Jahre lang anders gemacht hat.
Und irgendwann frage ich ihn, wie er denn zum Brexit steht, weil ich nicht so recht schlau aus dem Menschen werde. Und dann kommt was Hochinteressantes: Man könne keine Flaggen mehr in UK aufhängen, weil sonst gelte man als Rassist. Man könne nicht mehr stolz auf das Land sein und so weiter. Und ich denke mir, ich höre eigentlich einem AfDler zu oder einem Neonazi, der sich beschwert über diese Schand-, Schamkultur in Deutschland.
Und als ich ihm dann erkläre, dass ich eigentlich UK ganz anders wahrnehme, weil so viele Flaggen in UK hängen würden – da hätten wir in Deutschland schon längst innerlich ein Problem. Also, er hat ein total anderes Bild von UK als ich.
Also zum Beispiel: Die Leute wären nur so unfreundlich in UK. Und ich: „Was? Die sind hilfsbereit und so weiter, sehr freundlich verglichen zu den Deutschen.“ Und der Engländer lobt die Deutschen, dass die so freundlich wären! Also sehr interessant, alles sehr interessant.