Am Morgen wache ich auf und werfe einen Blick auf mein Thermometer, es zeigt 6 Grad an. Aber der Wetterbericht zeigt für meine Gegend 10 Grad an. Das ist mir eigentlich schon die ganzen letzten Tage passiert, dass mein Thermometer in der Früh niedrigere Werte anzeigt als die deutsche Wetter-App. Leider läuft yr.no nicht auf meinem Uralt-Handy. Aber wenn mein Thermometer recht hat, dann habe ich vielleicht ein Problem. Dann könnte ich in Norwegen Minusgrade bekommen.
Um wieder auf die Straße zurückzukommen, folge ich dem Waldweg und muss zum ersten Mal, wo in Deutschland ein Gatter wäre, Schnüre öffnen. Es sind Spannseile. Man sollte sie nicht loslassen, weil dann lösen sie sich auf der anderen Seite und man muss sie auf beiden Seiten einhängen. Interessanterweise hängt an diesen Spannseilen ein Hinweis, dass sie stromgeladen wären. Es sind aber Gummiseile.
Die letzten zwei Jahre ist es mir zwar noch nicht so stark aufgefallen, aber dieses Jahr ist es extrem: die Blumen- und Blütenvielfalt am Wegesrand. Was ich aber bisher noch nicht gesehen habe, und das habe ich letztes Jahr öfters gesehen, sind die Ausgleichsfelder, die so ein Gemisch aus Getreidefeld und Blumenwiese sind.
Ab und zu ändere ich meine Route, um auf einer Erdstraße zu fahren.
Ich fand ja schon das Vereinigte Königreich als ziemlich sicherheitsneurotisch, aber so häufig wie ich hier die Schilder „Wachsame Nachbarschaft“ sehe, würde ich sagen, eine ausgeprägtere Sicherheitsneurose haben die Schweden.
Letztes Jahr ist mir ein Tier über den Weg gelaufen in Schweden, von dem ich gesagt hätte, dass es ein Fuchs ist, wenn es nicht so eine dunkelbraune oder rostbraune Farbe und einen weißen Kragen gehabt hätte. Heute sehe ich wieder so ein Tier. Es läuft über die gemähte Wiese, gefolgt von einer Krähe, und lässt sich auch von mir nicht stören. Irgendwann biegt aber die Krähe ab. Vielleicht war es doch keine Verfolgungsjagd, sondern nur ein Zufall.
Im Supermarkt begegnet mir der erste Wischroboter. Ein wesentlich größeres Ungetüm als all die Staubsauger- und Mähroboter. Neugierig wie ich bin, stelle ich mich diesem Roboter in den Weg bzw. teilweise muss ich ihm im Weg stehen. Er kommt zielstrebig auf mich zu und hält für meinen Geschmack zu knapp vor mir. Es wirkt fast so, als solle vielleicht der Roboter die Leute aus dem Weg scheuchen. Jedenfalls, ich gehe dann an ihm vorbei, er plappert irgendwas. Ich verstehe es nicht, aber dafür, dass er Danke sagt, redet er ziemlich viel.
Bei den Planungen war ich eigentlich relativ erfreut, dass ich nur knappe 400 Höhenmeter diesen Tag haben sollte, aber ich wurde auf den ersten 10 Kilometern schon wieder misstrauisch, weil ich da ungefähr die Hälfte Höhenmeter mehr hatte als das Planungstool prophezeite. Aber nach Herrljunga wird die Gegend plötzlich sehr flach, sehr weit, sehr offen. Für schwedische Verhältnisse relativ wenig Wald. Sehr eben, aber leider sehr viel Wind, teilweise auch ins Gesicht.
Aber diese flache Gegend wird durch einen abrupte Felswand begrenzt.
Der Wetterbericht verspricht Regen. Ich muss lernen, was für Millimeterzahlen pro Quadratmeter ein Problem darstellen. Ich denke, es wird nur tröpfeln, aber es schüttet aus Eimern. Man könnte sogar von einem stundenlangen Starkregen sprechen. Deswegen höre ich früher auf. Ich entscheide mich für eine Wiese und stelle später fest, dass ich genau diesen Platz zuvor in Deutschland mit meiner Satellitenaufklärung als geeignet eingestuft habe.
Sobald meine Wege außerhalb des Radroutensystems geführt werden, wird ab und zu die Wegführung etwas abenteuerlich. Es wird dann zwar schön, aber zum Beispiel, was ich auch noch nie erlebt habe, dass dann der Weg über einen Felsen führt. Nicht so, dass er im Weg stände, aber die Wegoberfläche ist der Fels.
Ich nehme es zurück, dass die Wegoberfläche abenteuerlich wird, wenn man außerhalb des Radroutensystems fährt. Es wird auch anscheinend im Radroutensystem abenteuerlich. Ich muss über einen Trampelpfad parallel zu einer Verkehrsstraße fahren. Da ich an einem Wochentag fahre, sie ist zwar befahren, aber für deutsche Verhältnisse… Meint ihr das ernst? Vor so vielen Autos muss man Angst haben?
Die Gegend ist Großteils flach. An einer Stelle scheine ich an den Rand des Gebietes zu kommen. Dort gehen plötzlich Felsen wie eine Wand am Rande der Ebene hoch.
Die Landschaft wird so flach und weitläufig teilweise, dass ich mich an die norddeutsche Tiefebene erinnert fühle.
Bei meiner Mittagspause spricht mich ein Schwede an und will so wissen, was ich treibe. Und fragt dann, wie das Wetter wird, und ich meinte: „Ja, es soll am Nachmittag Regen geben.“ 10 Minuten später fängt es zu regnen an.
Ich schaue in den Wetterbericht, der spricht von mäßigem Regen. Es ist der norwegische Wetterbericht. Ich muss sagen, die Norweger haben ein mäßiges Verhältnis zu mäßigem Regen. Jedenfalls, es regnet den ganzen Nachmittag.
Eigentlich hatte ich sogar gehofft, heute deutlich über die 100 km zu kommen, aber ich bin irgendwann dann so entnervt, dass ich mich auf irgendeine Wiese mit meinem Zelt vor dem Regen verstecke.