05. Tag Sjöfota – Almelund 104 km

Ich habe mich ja letztes Jahr gefragt, ob es im Zelt wärmer ist als in einem Shelter. Heute Morgen hatte es, als ich aufwachte, 10 Grad und ich lag in meinem Zelt mit T-Shirt und kurzer Hose, ohne das Gefühl zu haben, dass es kühl sei. Ich gehe davon aus, dass es in einem Zelt wärmer als in einem Shelter ist.

Bisher hatte ich den Eindruck, dass ich in Schweden in all den Jahren von Mücken verschont geblieben bin, bis auf wenige Momente. Heute beim Aufstehen habe ich mir gleich das Mückenmittel aufgelegt, was aber nicht sehr viel geholfen hat, denn es handelt sich auch nicht um normale Stechmücken, sondern um irgendwelche kleinen Insekten, die ich eigentlich eher aus Schottland kenne, die man dort als Midges bezeichnet.

Persönlich frage ich mich, wenn es durch die Klimakatastrophe wärmer wird, ob dann die Schweden ihr Mückenproblem loswerden oder ob es größer wird.

Ziemlich früh erreiche ich einen Bahnradweg. Der Bahnradweg trifft sich plötzlich mit richtigen Gleisen, mit einer funktionierenden Eisenbahn, die von rechts auf mich zukommt. Hoffentlich muss ich jetzt nicht auf den Gleisen weiter fahren.

Der Bahnradweg, nachdem er die Gleise und den Bahnhof gekreuzt hat, folgt noch ein wenig den Gleisen und verlässt dann die Gleise. Das scheint früher mal eine Art Knotenpunkt gewesen zu sein. Natürlich stellt sich die Frage, warum bleibt der eine Strang erhalten und der andere musste sterben?

Vor Ort sieht es so aus, dass es ein Riesen-Fabrikgelände gibt, auf dem auch einige Loks herumstehen, und die scheint verantwortlich zu sein, dass der eine Bahnstrang noch am Leben ist. Ob die Fabrik noch lebt, weil der Bahnstrang am Leben ist, oder ob der Bahnstrang lebt, weil die Fabrik da ist, das lässt sich nicht sagen.

Heute Morgen bin ich bei meinen üblichen zwei Anlaufstellen zweimal ins Leere gelaufen, um mich zu waschen. Dann kam ich an einer öffentlichen Toilette vorbei mit warmem Wasser. Persönlich finde ich es ja schon begeisternd, dass bei den meisten öffentlichen Toiletten in Schweden, wenn sie fließendes Wasser haben, sie auch sehr häufig warmem Wasser haben.

Die letzten 15 Kilometer habe ich einen Bahnradweg benutzt und keinen einzigen Radfahrer getroffen, nur ein Moped. Und ich frage mich gerade, ob man vielleicht versucht, in einer menschenleeren Gegend auf die falsche Art und Weise den Tourismus zu fördern. Wie dem auch sei. In einem kleinen Ort, wo vermutlich früher der Bahnhof war, sehe ich viele Bänke, einen Spielplatz, eine Toilette und, neben der Toilette, eine Dusche! Das nutze ich natürlich sofort. Ich möchte nichts gegen Tourismusförderung gesagt haben.

Ironie der Geschichte: Es gibt eine kleine Box mit der Bitte um Zahlung. Mit Bargeld zahlen in Schweden? Ich bin verblüfft und erstaunt. Aber irgendwo in einer Ecke hängt noch ein kleines Plakat, man könnte auch mit Swish, dem schwedischen Zahlendienst, bezahlen. Persönlich wundert mich eigentlich, da ja Schweden doch von ziemlich vielen Touristen besucht wird, warum wird denen nicht irgendwie eine PayPal-Adresse angeboten?

Auf diesem Bahnradweg fahre ich ungefähr 6 Kilometer lang an einem Seeufer entlang. Von dem Seeufer sehe ich vielleicht höchstens 1 Kilometer. Meistens sehe ich Bäume, Wald, hie und da schimmert der See hindurch.

Ich habe mal einem Engländer das deutsche Waldbetretungsrecht erklärt. Dieser war auch noch Mitglied der Grünen, eine linkspopulistische Partei in England. Dieser meinte, ja, er wisse, dass die deutsche Verfassung ziemlich sozialistisch sei. Wenn er das Landbetretungsrecht von Schweden kennen würde, ich wüsste nicht, zu was für Worten er greifen würde.

Aber, das Interessante ist, ein Teil der offene Bereiche sind durch private Häuser zugebaut. Eigentlich, dass man sich an das Ufer setzen kann und den See genießen, dies ist nur bei einer Stelle in Vegby möglich. Dort hat die Gemeinde eine Art Spielplatz bzw. öffentlichen Erholungsraum, gebaut hat.

Ich schaffe es doch nicht, dass mir kein Fahrradfahrer bis Ulricehamn entgegenkommt. Aber es sind wenige. Fast alle sind Radtouristen, aber von der Sorte Senior mit E-Bike und, wie es so schön heißt, auf einem Tagesausflug. Es kommt mir auch die übliche Rentnergruppe entgegen. Erfreulicherweise fahren sie nicht nebeneinander so wie in Deutschland, sondern hintereinander.

Der nächste See versucht mich mit den anderen schwedischen Seen, die hinter einer Baumgardine verschwinden, zu versöhnen, indem er fast immer einen freien Ausblick auf sich gönnt. Ich stelle wieder fest: Sobald man diese Seen sieht, strahlen sie eine besondere Ruhe aus.

Der Bahnradweg geht nach Ulricehamn weiter. Ich dachte, die Radfahrer, die mir vorhin begegnet sind, sind eine Folge der Uhrzeit, da ich ja teilweise extrem früh unterwegs bin. Aber dies scheint ein Irrtum zu sein. Die zwei Seen vor Ulricehamn scheinen für die Touristen interessanter zu sein.

Der restliche Bahnradweg ist sehr leer, obwohl das Wetter sehr schön ist. Ich würde sogar die Behauptung riskieren, dass morgens um 6:00 Uhr im Winter am Mainuferweg mehr los ist als hier auf diesem Bahnradweg. Als ich den Bahnradweg verlasse, werde ich sehr häufig auf Erdstraßen geleitet. Ich genieße es. Auch ist die Gegend deutlich offener als gestern. Teilweise werden mir die Zeltplätze nachgeschmissen.

Heute bin ich mutig und fahre einen Platz an, von dem ich mir ziemlich todsicher bin, dass meine Luftaufklärung einen Treffer erzeugt hat. 300 Meter vor diesem Platz sehe ich plötzlich ein Waldstück. Ich glaube, ich habe so ein Waldstück noch nie in Schweden gesehen. Die Bäume stehen weit auseinander, es müssten Kiefern sein. Der Boden ist absolut eben, keine Holzstrünke, keine Felsen. Eine Wonne! Ich gehe in diesen Wald und schlage mein Zelt auf.

Abends liege ich im Wald und höre den Vögeln zu. Ab und zu mischen sich die Geräusche ferner Flugzeuge dazu. Da ich aus Frankfurt komme, finde ich es zwar nichts Ungewöhnliches, dass ich Flugzeuge höre, aber ich bin sehr weit weg von einem Flughafen.

Komischerweise, weil ich so weit weg vom Flughafen ein Flugzeug höre, merkt man, wie leise Schweden ist.