3. Tag: Moskenes-Hov (124.66 km)

Auf dem Campingplatz in Moskenes könnte man fast den Eindruck bekommen, Wandern ist Frauensache, Radfahren Männersache. In 24 Stunden habe ich auch schon zwei allein wandernde Frauen gesehen. In all den Jahren habe ich keine allein radreisende Frau erlebt.

Ich verbessere mich beim Zeltaufstellen. Mein Zelt steht knapp neben den Miniseen des nächtlichen Regens und nicht in ihnen. Es regnet.

Als ich mein Zelt im Regen abbaue, trällere ich den Refrain von “ Always Look on the Bright Side of Life“ aus der Kreuzigungsszene aus „Das Leben des Brain“.

Ich frage mich deswegen, ob es so etwas wie sarkastisches Selbstmitleid gibt.

Am Vormittag durchfahre ich eine 10 Kilometer lange Baustelle der E10. Es wird unter anderem ein Steinschlagschutz aus Beton gebaut. Was mir bisher gar nicht klar war, dass auch das die Felswände herablaufende Wasser am Beton vorbei unter der Straße hindurchgeführt werden muss. Ich bin beeindruckt von dem Aufwand, den die Norweger für ihre Straßen treiben.

Es regnet und regnet. Ich komme an einem Trockenfischgestänge vorbei. Ich finde es riecht nahezu ekelerregend. Wobei den Fisch im Regen sehend ich mich frage, wie kann dieser Fisch in diesem feuchten Klima trocknen?

Aber der Verkehr wird immer heftiger. Der rauhe Asphalt und seine Nässe lassen die Autos mit einem riesigen Lärm an mir vorbeifahren. Im Nappsstraumentunnel kann ich wegen des fortwährenden Lärmes nicht meiner norwegischen Tunnellieblingsbeschäftigung nachgehen. Dem Zusammenklang einzeln gesungener Töne zu hören. Als ich ein wenig später ein Nickerchen in einem Bushäuschen mache, bin ich froh um die Ohrenstöpsel, die ich noch vom Flug in der Tasche habe.

Auf der 815 wird es dann leiser.

Die Landschaft ist fast den ganzen Tag wolkenverhangen. Es entstehen Bilder, die meine Phantasie anregen. Weil manche Passagen unwirtlich wirken, drängt sich mir die Szenerie auf, wie jemand in langer dunkler Vorzeit dieses Land erkundet. Weil er dessen Bewohner nicht sieht, muss er sie sich vorstellen. Er stellt sich übergroße, kräftige Menschen vor. Faste eine Art Halbriesen. Ich ahne plötzlich, warum manche Filme auf solch eine Kulisse zurückgreifen. Bisher dachte ich immer, die kämen aus einem Trickstudio. Nein man braucht nur schlechtes düsteres Wetter in Norwegen.

Meiner Meinung nach ist das norwegische Schaf bezüglich Radfahrer ein furchtbarer Schießer. Das Lofotenschaf ist fast so cool wie das norddeutsche Deichschaf. Ein Schaf stellt sich mir sogar entgegen. Woran merkt, wie viel Radfahrer auf den Lofoten unterwegs sein müssen.

Gegen Abend kommt starker Gegenwind auf. Teilweise trete ich mit 6 km/h und kleinstem Gang gegen ihn an.