Siebter Tag: Harwich – Woodbridge (115,48 km)

Vom Schiff heruntergekommen fahre ich erst mal nach rechts in den Kreisel hinein und wundere mich etwas, warum der Pfeil auf dem Boden entgegen meine Fahrtrichtung deutet. Bis mir klar wird: „Linksverkehr!“

Die zwei anderen Radler vor mir, die ich kurz nach dem Kreisel treffe, haben denselben Fehler gemacht. Bei meinen Vorbereitungen habe ich von diesem Fehler beim ersten englischen Kreisel immer wieder gelesen.

Ich muss eigentlich gar nicht suchen und habe schon den ersten Wegweiser der NSCR gefunden.

Den Wegeisern folgend komme ich gleich an einem Geldautomaten vorbei. Er trägt sogar das Maestro-Schild. Ich freue mich, dass ich meine EC-Karte nutzen kann. Der Automat erklärt mir aber, nachdem ich das ganze Prozedere durchlaufen habe, dass meine Bank die Verbindung verweigern würde. Ich spiele das Spiel noch zweimal durch. Leichte Panik befällt mich. Aber auf meine Kreditkarte bekomme ich Geld. Erleichterung macht sich breit.

Mein erster englischer Supermarkt offenbart die Pervertierung meines Geschmackes durch die Englandaufenthalte meiner Jugend. Ich mache mich sofort auf die Suche nach meinen damaligen Lieblingschips. Salz und Essig-Geschmack. Aber ich kaufe dann eine Tüte Chips mit Lemon, Thymian und Chickengeschmack. Sandwiches gibt es auch. Aus labbrigem Toast und interessanten Füllungen. Die Sorte Egg and Onion entdecke ich leider nicht. Ich mag Sandwiches.

Den Radler interessiert natürlich ein kohlehydratreiches Abendessen. Das Reisregal bietet in dieser Frage verheißungsvolle Ausblicke für die nächsten Tage. Es wimmelt von Reissaucen geprägt von den früheren britischen Kolonien. (Was mich daran erinnert, mein erstes englisches Abendessen in England war ein sehr scharfer Curry.)

Die Strecke ist sehr angenehm zu fahren. Gegen Ende kommen zwar einige Steigungen. Die sind mir aber immer noch lieber als der niederländische Gegenwind. Und eigentlich fahre ich gerne Steigungen.

Die Strecke verläuft fast nur auf Minorroads. Diese sind teilweise gerade breit genug für ein Auto. Die englischen Autofahrer sind sehr rücksichtsvoll.

Ispwich durchfahre ich zur Rushhour und stelle dort fast ausschließlich fest, die Engländer fahren wie die gesengte Sau. Sie passieren sich und mich mit extrem knappen Abständen, so dass ich ein paar Mal die Luft anhalte oder selbige tief hole.

Die Fahrradkarte von Sustrans lässt mich im Stich. Es sind keine Campingplätze eingezeichnet. Also beschließe ich mir eine Karte mit eingetragenen Campingplätzen zu besorgen. In Tankstellen scheint es grundsätzlich keine Karten zu geben. In zwei Touristoffices kann man mir auch nicht weiterhelfen. Erst der zweite Buchladen kann mit Karten dienen. Man lässt mich etwas kramen, weil das Spezifikum mit Campingplätzen der Verkäuferin sehr fremd erscheint. Ich finde eine Generalkarte von Großbritannien in der viele Campingplätze eingezeichnet sind.

Der Eindruck von meiner Kartensuche ist, das Angebot an Karten ist bei weitem nicht so reichhaltig wie in Deutschland. Was auch auffällt, auf meine Frage nach den Fahrradkarten von Sustrans, weiß man nicht so recht von was ich rede. Von Sustrans kennt man die Wanderkarten und kann diese kaufen. Als ich meine Fahrradkarten zeige, kennt man diese Art von Karten nicht.

Zurück zu den Campingplätzen.

Nach meinem Check-In auf dem ersten englischen Campingplatz in der Nähe von Woodbridge stellt sich die Frage, ob Sustrans die Campingplätze bewusst nicht einträgt. Die freundliche Dame an der Rezeption erklärt mir, ich müsse, auch wenn ich nur ein Nacht bleiben wolle, für zwei zahlen. Zum Glück kommt der Campingplatzchef dazu und ist leicht geschockt.

Er erklärt seiner Angestellten für Radler und Wanderer würden andere Regeln gelten. Ich müsse nur eine Nacht zahlen. Der Platz ist klein, aber sehr fein. Die Duschen sind für einen Campingplatz phänomenal. Die Duschen erweisen sich als kleine, geheizte Badezimmer.

Die Toiletten werden nicht mit irgendeinem Kommerzsender beschallt, sondern mit einem Klassiksender der BBC. (Am Morgen sehe ich: Ein Fünf-Sterne-Platz!)

Auf diesem Platz werde ich wieder an eine englische Eigenart erinnert. Die Engländer nehmen zum Campen ihr normales Bettzeug mit. Mir gegenüber ist eine Ehepaar, die ihm Zelt entweder ein riesige Luftmatratze oder ein Wasserbett aufgestellt haben und darauf zwei Bettgarnituren. Es sieht aus wie ein Ehebett im Zelt.

Was mir heute sehr angenehm aufgefallen ist, und ich fand das schon in meiner Jugendzeit sehr angenehm, die Höflichkeit der Engländer. Sehe ich etwas länger in meine Karte, halten sogar Autos an und man fragt mich, ob ich „lost“ sei und weißt mir den Weg.

Ich stelle fest, wie schnell diese Freundlichkeit auf mich abfärbt. Situationen, die man in Deutschland mit Geduld handelt (z.B. alte Menschen im Supermarkt.) verwandeln sich. Ich warte nicht bis ich endlich weiter kann, sondern sehe wohlgesonnen wie sie langsam und behutsam meinen Weg kreuzen. So scheinen es auch die Engländer zu halten.

Aber ein anderer Eindruck beschäftigt mich auch. Ich hatte in meiner Jugend zwar den Eindruck, dass England nicht den deutschen Standard hat, war aber zu jung, um mir richtig Gedanken darüber zu machen.

Die erste Wohnsiedlung war ein Schock für mich. Ich war die letzten Jahre mit dem Rad unter anderem in Tschechien und der ehemaligen DDR. Daran fühle ich mich sehr stark erinnert. Ich habe kurz vor dieser Reise den Film „Mein wunderbarer Waschsalon“ gesehen. Der Ausblick von Omar und seines Vaters Wohnung gibt wieder, was ich teilweise sehe. Bei dem Film dachte ich, dass es so etwas punktuell gäbe. Heute sehe ich, dass es doch einen erheblichen Anteil darstellt.

Ja es hat viel mit der ehemaligen DDR zu tun. Neubauviertel bewohnt von denen, die es geschafft haben, zerfallende Arbeiterviertel, glänzende Stadtzentren und zerfallende Backyards.